Studium und Praxis des Prinzips
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Abschnitt 1. Die Erlösung durch das Kreuz

1.1 Der Zweck des Kommens Jesu als Messias

Jesus kam als Messias, um nichts Geringeres als die völlige Erlösung der Menschheit zu bringen; er sollte das Ziel der Vorsehung der Wiederherstellung erfüllen. Jesus sollte das Himmelreich Gottes errichten und zwar zuerst auf Erden. Dies können wir aus Jesu eigenem Wort an seine Jünger schließen: „Ihr sollt also vollkommen sein, wie es auch euer Himmlischer Vater ist.“ (Mt 5,48) Laut dem Schöpfungsprinzip wird eine Person, die den Schöpfungszweck verwirklicht hat, keine Sünde begehen, weil sie in voller Harmonie mit Gott lebt und eine göttliche Wesensart hat.

Bezogen auf den Schöpfungszweck ist so eine Person vollkommen, wie der Himmlische Vater vollkommen ist. Jesus unterwies seine Jünger in dieser Lehre und hoffte, sie würden zu Menschen wiederhergestellt werden, die den Schöpfungszweck verwirklichen und Bürger des Himmelreiches werden. Des Weiteren lehrte Jesus die Menschen zu beten, Gottes Wille solle auf Erden wie im Himmel geschehen, weil es das Ziel seines Kommens war, die gefallene Menschheit zu Bürgern des Himmelreiches wiederherzustellen und das Himmelreich auf Erden aufzubauen. Er drängte die Menschen auch: „Kehrt um! Denn das Himmelreich ist nahe.“ (Mt 4,17) Aus den gleichen Gründen hat auch Johannes der Täufer, der kam, den Weg des Herrn zu bereiten, das Himmelreich angekündigt. (Mt 3,2)

Wie werden die Menschen sein, wenn sie einmal zu jenen Wesen wiederhergestellt worden sind, die den Schöpfungszweck erfüllen und vollkommen sind, wie ihr Himmlischer Vater vollkommen ist? Solche Menschen sind voll auf Gott eingestimmt und erfahren Gottes Herz in ihrem eigenen Innersten. Sie verfügen über eine göttliche Natur, leben ihr Leben mit Gott und sind mit Ihm untrennbar verbunden. Darüber hinaus haben sie keine Ursprüngliche Sünde und brauchen daher weder eine Erlösung noch einen Heiland. Sie müssen weder ohne Unterlass beten noch ein religiöses Leben führen, wie es für gefallene Menschen auf der Suche nach Gott notwendig ist. Und weil diese Menschen keine Ursprüngliche Sünde haben, werden ihre Kinder naturgemäß gut und sündenlos geboren und benötigen gleichfalls keinen Erlöser mehr zur Vergebung ihrer Sünden.

1.2 Brachte das Kreuz vollständige Erlösung?

Hat der Kreuzestod Jesu, der uns die Vergebung unserer Sünden brachte, das Ziel der Vorsehung der Wiederherstellung erreicht? Wenn ja, dann müsste man erwarten, dass gläubige Nachfolger Christi ihre Ursprüngliche Natur wiederhergestellt und das Reich Gottes auf Erden errichtet hätten. Doch in der gesamten Geschichte der Christenheit fand sich bei aller Glaubenshingabe nicht einer, der sein Leben in vollständiger Einheit mit Gott gelebt hätte. Nicht ein Mensch hat je Gottes Herz in Seiner ganzen Intensität erfahren oder eine göttliche Natur gehabt. Niemals gab es einen Gläubigen, der nicht Erlösung oder ein Leben ständigen Gebets und Ergebenheit Gott gegenüber benötigt hätte. Selbst Paulus, ein ganz großer Gottesmann, konnte nicht auf ein Leben im Glauben und auf Gebete unter Tränen verzichten. (Röm 7,18-25) Kein christliches Elternpaar, wie gläubig es auch gewesen sein mag, hat jemals ein Kind ohne Ursprüngliche Sünde geboren; ein Kind, das ohne die Gnade der Erlösung Gottes Himmelreich hätte betreten können. Selbst christliche Eltern übertragen auf ihre Kinder weiterhin die Ursprüngliche Sünde.

Was erkennen wir aus dieser ungeschminkten Analyse christlichen Lebens? Sie lehrt uns, dass die Gnade der Erlösung durch das Kreuz weder unsere Ursprüngliche Sünde völlig ausgerottet noch unser ursprüngliches Wesen vollständig wiederhergestellt hat. In dem Bewusstsein, dass die Erlösung durch das Kreuz den Zweck seines Kommens nicht gänzlich erfüllt, versprach Jesus, dass er wiederkommen würde. Er wusste, dass Gottes Wille zur Wiederherstellung des Himmelreiches auf Erden absolut und unumstößlich ist. Daher hoffte Jesus wiederzukehren und den Willen Gottes vollständig zu erfüllen.

War Jesu Kreuzesopfer vergebens? Selbstverständlich nicht! (Joh 3,16) Wäre dem so, dann hätte das Christentum keine so bedeutungsvolle Geschichte hervorgebracht. Unsere ganz persönliche Glaubenserfahrung kann uns darüber hinaus klarmachen, wie groß die Gnade der Erlösung durch das Kreuz ist. Es stimmt, dass das Kreuz unsere Sünden getilgt hat; doch ebenso wahr ist, dass das Kreuz uns nicht völlig von der Ursprünglichen Sünde befreit hat. Es hat uns nicht zum Status vor dem Fall wiederhergestellt, in dem wir als vollkommene und ursprüngliche Menschen keine Sünden mehr begehen würden. Und es hat uns nicht in die Lage versetzt, das Himmelreich auf Erden zu errichten.

Wie kann man das Ausmaß der Erlösung durch das Kreuz richtig einschätzen? Ohne eine Antwort auf diese Frage ist es für die Menschen in der modernen Welt schwierig, ihren Glaubensweg richtig zu gehen. Zunächst müssen wir den Tod Jesu am Kreuz unter neuen Gesichtspunkten untersuchen.

1.3 Der Kreuzestod Jesu

War Jesu Kreuzestod der ursprüngliche Wille Gottes? Zunächst wollen wir die Worte und Taten der Jünger untersuchen, wie wir sie in der Bibel wiedergegeben finden.

Was den Tod Jesu betrifft, so gab es unter den Jüngern offensichtlich ein gemeinsames Gefühl: Die Jünger waren entrüstet und grämten sich. Stephanus zum Beispiel war außer sich angesichts der Ignoranz und Ungläubigkeit der jüdischen Elite, verdammte ihre Taten und nannte sie Verräter und Mörder. (Apg 7,51-53) Seither haben Christen immer wieder die gleichen Gefühle empfunden wie die Jünger zur Zeit Jesu. Wäre Jesu Tod ein vorherbestimmtes Mittel gewesen, um den Willen Gottes zu erfüllen, könnte man verstehen, dass seine Jünger über Jesu Tod traurig gewesen wären, aber sie hätten sicher weder einen derart fundamentalen Groll gehegt noch den Führern der Juden, die den Tod verursacht hatten, so bittere Vorwürfe gemacht. Aus der heftigen Reaktion der Jünger können wir folgern, dass Jesu Kreuzigung ungerecht und ungewollt war.

Als Nächstes wollen wir aus Sicht der Vorsehung Gottes prüfen, ob die Kreuzigung Jesu der unausweichliche und vorherbestimmte Wille Gottes war.

Gott berief Sein auserwähltes Volk aus den Nachfahren Abrahams. Er schützte es, nährte es und züchtigte es von Zeit zu Zeit durch Drangsal und Prüfungen. Gott sandte ihm zum Trost Propheten mit dem festen Versprechen, dass Er ihm eines Tages einen Messias senden werde. Er bereitete es darauf vor, den Messias zu empfangen, indem Er es die Wohnstätte und den Tempel bauen ließ. Als Jesus geboren wurde, verkündete Gott dessen Ankunft. Er sandte sowohl die drei Weisen aus dem Osten als auch Simeon, Hanna, Johannes den Täufer und andere, die über ihn umfangreich Zeugnis ablegten.

Insbesondere von Johannes dem Täufer war es weithin bekannt, dass ein Engel erschienen war und von seiner Empfängnis berichtet hatte. (Lk 1,13) Die Wunder, die seine Geburt begleiteten, versetzten ganz Judäa in Erwartung. (Lk 1,63-66) Auch machte Johannes‘ asketisches Leben in der Wüste solchen Eindruck, dass viele sich fragten, ob er der Christus sei. (Lk 3,15) Indem Gott so eine bedeutende Persönlichkeit wie Johannes den Täufer als Vorboten Jesu sandte, beabsichtigte Er, das jüdische Volk zum Glauben an Jesus als Messias zu ermutigen.

Weil es Gottes Wille war, dass das jüdische Volk jener Zeit an Jesus als den Messias glaubte, hätten die Israeliten, die gelernt hatten, nach Seinem Willen zu leben, auch an ihn glauben sollen. Hätten sie an ihn geglaubt, wie es sich Gott erhofft hatte, wären sie dann je auf die Idee gekommen, ihn zu kreuzigen? Hätten sie dem Messias, den sie so lang und sehnlich erwartet hatten, ein Leid zufügen wollen? Doch weil sie gegen Gottes Willen verstießen und nicht glaubten, dass Jesus der Messias war, wurde er ausgeliefert und gekreuzigt. Wir müssen also erkennen, dass Jesus nicht gekommen war, um am Kreuz zu sterben.

Wenden wir uns nun Jesu eigenen Taten und Worten zu, um festzustellen, ob seine Kreuzigung tatsächlich der Weg war, um seine Mission als Messias vollständig zu erfüllen.

Jesu Worte und Taten waren darauf Jesu Worte und Taten waren darauf angelegt, auf Seiten des Volkes den Glauben hervorzurufen, dass er der Messias war. Beispielsweise antwortete Jesus den Menschen auf ihre Frage, was sie tun sollten, um Gottes Werke zu tun: Das ist das Werk Gottes, dass ihr an den glaubt, den Er gesandt hat. (Joh 6,29) Jesus litt sehr am Unglauben der Pharisäer und hatte niemanden, dem er sich mitteilen konnte. Eines Tages schaute er von der Höhe herab auf Jerusalem. Er weinte und klagte über das Schicksal des jüdischen Volkes, das von Gott so liebevoll und mühsam 2000 Jahre lang geleitet worden war. Jesus prophezeite, die Stadt werde so vollständig in Trümmer gelegt werden, dass nicht ein Stein auf dem anderen bleiben würde. Er wies deutlich auf die Unwissenheit der Menschen hin und sagte: „Du hast die Zeit der Gnade nicht erkannt.“ (Lk 19,44)

Ein anderes Mal beklagte Jesus die Halsstarrigkeit und den Unglauben der Einwohner Jerusalems: Jerusalem, Jerusalem, du tötest die Propheten und steinigst die Boten, die zu dir gesandt sind. Wie oft wollte ich deine Kinder um mich sammeln, so wie eine Henne ihre Küken unter ihre Flügel nimmt; aber ihr habt nicht gewollt. (Mt 23,37) Jesus tadelte die Menschen, die sich weigerten, an ihn zu glauben, obgleich sie mit den Heiligen Schriften, die von ihm berichten, vertraut waren: Ihr erforscht die Schriften, weil ihr meint, in ihnen das ewige Leben zu haben; gerade sie legen Zeugnis über mich ab. Und doch wollt ihr nicht zu mir kommen, um das Leben zu haben. (Joh 5,39-40) Ich bin im Namen meines Vaters gekommen, und doch lehnt ihr mich ab … Wenn ihr Mose glauben würdet, müsstet ihr auch mir glauben; denn über mich hat er geschrieben. (Joh 5,43-46)

Wie viele Zeichen und Wunder wirkte Jesus in seinem verzweifelten Bemühen, die Menschen von ihrem Unglauben zu befreien! Doch selbst als sie die Wunder Jesu mit eigenen Augen sahen, verspotteten die religiösen Führer ihn als einen, der vom Beelzebul besessen sei. (Mt 12,24) Inmitten einer solch verfahrenen Situation schrie Jesus auf: Wenn ich nicht die Werke meines Vaters vollbringe, dann glaubt mir nicht. Aber wenn ich sie vollbringe, dann glaubt wenigstens den Werken, wenn ihr mir nicht glaubt. Dann werdet ihr erkennen und einsehen, dass in mir der Vater ist und ich im Vater bin. (Joh 10,37-38) Er trat seinen Gegnern mutig entgegen und kritisierte ihre Scheinheiligkeit aufs schärfste. (Mt 23,13-36) Durch seine Worte und Taten versuchte Jesus, sein Volk zum Glauben an ihn zu bewegen, denn es war Gottes Wille, dass sie glauben sollten. Wären sie Gottes Willen gefolgt und hätten an Jesus als ihren Messias geglaubt, wie hätte es dann jemand von ihnen wagen können, ihn ans Kreuz zu schicken?

Aus den hier angeführten Belegen können wir schließen, dass Jesu Kreuzestod die unglückselige Folge von Unwissenheit und Unglauben seitens der Menschen seiner Zeit war; er war nicht für die Erfüllung seiner Mission als Messias notwendig. (vgl. 1 Kor 2,8) Dies wird noch einmal durch Jesu D letzte Worte am Kreuz unterstrichen: Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun. (Lk 23,34)

Hätte Gott Jesus von Anfang an dazu ausersehen, am Kreuz zu sterben, so hätte Jesus selbst erwartet, diesen Weg als den richtigen zu gehen. Warum hat er jedoch dreimal gebetet: „Mein Vater, wenn es möglich ist, gehe dieser Kelch an mir vorüber. Aber nicht wie ich will, sondern wie du willst“ (Mt 26,39)? In Wahrheit betete Jesus so verzweifelt, weil er sehr wohl wusste, dass sein Tod die Hoffnung auf eine Errichtung des Himmelreiches auf Erden zerschlagen würde. Dies bedeutete eine tragische Enttäuschung für Gott, der seit dem Fall 4000 biblische Jahre hindurch hart daran gearbeitet hatte, diese Hoffnung zu verwirklichen. Jesus wusste, dass dann die Leiden der Menschheit ungemindert bis zur Zeit seiner Wiederkunft fortdauern würden.

Jesus erklärte: „Und wie Mose die Schlange in der Wüste erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden.“ (Joh 3,14) Als das Volk Israel auf dem Weg nach Kanaan seinen Glauben an Mose verlor, tauchten feurige Schlangen auf und begannen die Israeliten zu töten. Gott befahl Mose, eine Schlange aus Kupfer zu fertigen und auf einem Stab aufzurichten, so dass alle, die auf diese Schlange schauten, ihr Leben bewahrten. (Num 21,4-9) Ähnlich sah Jesus voraus, dass die Menschheit wegen des Unglaubens des auserwählten Volkes ihm gegenüber der Hölle übergeben werden würde. Er sah voraus, dass er unter diesen Umständen wie die kupferne Schlange zur Rettung der Menschheit ans Kreuz geschlagen würde, so dass alle, die auf ihn schauen, gerettet werden. Da Jesus diese Möglichkeit vorhersah, verkündete Jesus schweren Herzens diese warnende Prophezeiung.

Ein anderer Hinweis darauf, dass Jesu Kreuzestod nicht der Wille Gottes war, sondern vielmehr auf dem Unglauben der Menschen beruhte, ist der Untergang Israels nach der Kreuzigung. (Lk 19,44) Schließlich lautete die Prophezeiung, Jesus werde kommen, seinen Platz auf Davids Thron einnehmen und ein immer währendes Königreich errichten: Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns geschenkt. Die Herrschaft liegt auf seiner Schulter; man nennt ihn: Wunderbarer Ratgeber, Starker Gott, Vater in Ewigkeit, Fürst des Friedens. Seine Herrschaft ist groß, und der Friede hat kein Ende. Auf dem Thron Davids herrscht er über sein Reich; er festigt und stützt es durch Recht und Gerechtigkeit, jetzt und für alle Zeiten. Der leidenschaftliche Eifer des Herrn der Heere wird das vollbringen. (Jes 9,5-6) Ein Engel, der Maria vor ihrer Empfängnis Jesu erschienen war, machte eine ähnliche Vorhersage: Du wirst ein Kind empfangen, einen Sohn wirst du gebären: dem sollst du den Namen Jesus geben. Er wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden. Gott, der Herr, wird ihm den Thron seines Vaters David geben. Er wird über das Haus Jakob in Ewigkeit herrschen, und seine Herrschaft wird kein Ende haben. (Lk 1,31-33)

Gottes klare Absicht für das auserwählte Volk Israel, das Er seit Abrahams Tagen 2000 Jahre lang durch jede Art von Schwierigkeiten geleitet hatte, bestand darin, ihm einen Messias zu senden und ein ewiges Himmelreich auf Erden zu errichten. Als jedoch die Führer des jüdischen Volkes Jesus verfolgten und zum Kreuz verurteilten, verlor Israel seine Qualifikation als Nation, das Reich Gottes zu gründen. Innerhalb weniger Generationen wurde das Volk Israel in alle Winde zerstreut. Seither wurde es unterdrückt und verfolgt. Dies kann als die tragische Konsequenz des Fehlers seiner Vorfahren interpretiert werden, den diese begingen, als sie den Messias, dem sie hätten Ehre erweisen sollen, zum Tode verdammten – mit der Folge, dass die Erfüllung der Vorsehung der Wiederherstellung verhindert wurde. Darüber hinaus trugen nicht nur Juden, sondern auch viele gläubige Christen ihr Kreuz als Teil der Verantwortung für die kollektive Sünde der Ermordung Jesu.

1.4 Die Grenzen der Erlösung durch das Kreuz und der Zweck der Wiederkunft Jesu

Was wäre geschehen, wenn Jesus nicht gekreuzigt worden wäre? Jesus hätte sowohl den geistigen als auch den physischen Aspekt der Erlösung erfüllt. Er hätte mit Sicherheit das immer währende und unzerstörbare Himmelreich auf Erden errichtet. So war es vom Propheten Jesaja vorhergesagt, Maria vom Engel verkündigt und von Jesus selbst ausgesprochen worden, als er sagte, das Himmelreich sei nahe. (Jes 9,5-6; Lk 1,31-33; Mt 4,17)

Als Gott den Menschen schuf, „formte Gott, der Herr, den Menschen aus Erde vom Ackerboden und blies in seine Nase den Lebensatem. So wurde der Mensch zu einem lebendigen Wesen.“ (Gen 2,7) Menschen wurden also im Geist und im Fleisch geschaffen. Ihr Fall ereignete sich sowohl im Geist als auch im Fleisch.

Da Jesus kam, um volle Erlösung zu bringen, war er für ihre geistige wie auch körperliche Erlösung verantwortlich. An Jesus glauben heißt, mit ihm eins zu werden. Jesus selber verglich sich mit dem wahren Weinstock und seine Jünger mit den Reben. (Joh 15,5) Er sagte auch: „An jenem Tag werdet ihr erkennen: Ich bin in meinem Vater, ihr seid in mir, und ich bin in euch.“ (Joh 14,20) Um gefallene Menschen geistig wie körperlich zu erlösen, musste Jesus im Fleisch kommen. Hätten die Menschen an Jesus geglaubt und sich mit ihm sowohl im Geist als auch im Fleisch vereinigt, so wären sie geistig wie physisch erlöst worden. Doch die Menschen glaubten nicht an Jesus; stattdessen brachten sie ihn ans Kreuz. Jesu Körper wurde dem Angriff Satans ausgeliefert und er wurde getötet. Daher sind auch gläubige Christen, die mit Jesus vereinigt sind, weiterhin körperlich Satans Angriffen ausgesetzt, wie dies bei Jesu Körper der Fall war.

Folglich kann keiner der Gläubigen, wie groß seine Hingabe auch sein mag, durch Jesu Kreuz physische Erlösung erlangen. Die Ursprüngliche Sünde, die von Adam über die Abstammungslinie vererbt wurde, ist noch nicht an ihrer Wurzel beseitigt. Auch der gläubigste Christ hat noch die Ursprüngliche Sünde und schenkt Kindern das Leben, die ebenfalls die Ursprüngliche Sünde haben. In unserem persönlichen Glaubensleben mögen wir es für notwendig erachten, unser Fleisch zu negieren und zu kasteien, um zu verhindern, dass Satan, der uns stets durch unsere Körper zu verführen trachtet, in unsere Bemühungen eindringt. Es wird uns gelehrt, immerfort zu beten (1 Thess 5,17), auf dass wir die Bedingungen beseitigen, die Satan zum Angriff gegen uns verwenden kann; diese Bedingungen sind ein Resultat der Ursprünglichen Sünde, die trotz der Vergebung durch das Kreuz nicht ausgelöscht werden konnte.

Jesus konnte das Ziel, nämlich geistige und physische Erlösung, nicht erreichen, weil sein Körper von Satan zerstört wurde. Dennoch legte Jesus die Grundlage für eine geistige Erlösung, indem er das siegreiche Fundament für seine Auferstehung kraft seines am Kreuz vergossenen Blutes errichtete. Daraus folgt, dass alle Gläubigen seit seiner Auferstehung die Vorteile der geistigen Erlösung erfahren konnten, jedoch keine physische Erlösung.

Die Erlösung durch den Sieg am Kreuz ist ausschließlich eine geistige Erlösung. Die Ursprüngliche Sünde wirkt auch im Fleisch der gläubigsten Christen weiter und wird an ihre Nachkommen vererbt. Je glühender der Glaube eines Christen, desto heftiger muss er in sich selbst gegen die Sünde kämpfen.

Selbst Paulus, der Ergebenste unter den Aposteln, beklagte sich darüber, dass er nicht fähig sei, die Sünde davon abzuhalten, in sein Fleisch einzudringen: Denn in meinem Innern freue ich mich am Gesetz Gottes, ich sehe aber ein anderes Gesetz in meinen Gliedern, das mit dem Gesetz meiner Vernunft in Streit liegt und mich gefangen hält im Gesetz der Sünde, von dem meine Glieder beherrscht werden. Ich unglücklicher Mensch! Wer wird mich aus diesem dem Tod verfallenen Leib erretten? Dank sei Gott durch Jesus Christus, unseren Herrn! Es ergibt sich also, dass ich mit meiner Vernunft dem Gesetz Gottes diene, mit dem Fleisch aber dem Gesetz der Sünde. (Röm 7,22-25) Diese Aussage stellt zwei Erfahrungen des Paulus einander gegenüber: Auf der einen Seite fühlte er tiefe Freude, weil er geistige Erlösung empfangen hatte, andererseits war es ihm unmöglich, physische Erlösung zu erlangen. Auch Johannes bekannte: Wenn wir sagen, dass wir keine Sünde haben, führen wir uns selbst in die Irre, und die Wahrheit ist nicht in uns … Wenn wir sagen, dass wir nicht gesündigt haben, machen wir ihn zum Lügner, und sein Wort ist nicht in uns. (1 Joh 1,8-10) Wir, die wir aufgrund des Kreuzesopfers Jesu Erlösung empfangen, können uns nicht von den Ketten der Sünde befreien, weil die Ursprüngliche Sünde noch tief in unserem Inneren wirkt. Daher muss Jesus wieder auf die Erde kommen, um die Ursprüngliche Sünde, die er nicht durch die Kreuzigung beseitigen konnte, von ihrer Wurzel her auszumerzen und das Werk der physischen Erlösung zu vollenden. Erst dann wird Gottes Heilsplan geistig und physisch erfüllt werden.

1.5 Zweierlei Prophezeiungen über das Kreuz

Wenn Jesu Kreuzestod für seine Mission als Messias nicht notwendig und daher nicht vorherbestimmt war, warum prophezeit dann Jesaja, er werde den Schmerz des Kreuzes erleiden (Jes 53)?

Wir mögen der Ansicht sein, die Bibel enthalte nur Prophezeiungen, die Jesu Leid vorhersagen. Doch wenn wir die Bibel in Kenntnis des Prinzips erneut lesen, stellen wir fest, dass es andere, gegenteilige Prophezeiungen gibt. Wie Jesaja prophezeite (Jes 9; 11; 60) und der Engel Maria verkündigte (Lk 1,31-33), sollte Jesus zu Lebzeiten König der Juden werden und ein immer währendes Königreich auf Erden errichten. Untersuchen wir, warum Gott zwei gegensätzliche Prophezeiungen im Hinblick auf Jesus gab.

Gott schuf den Menschen so, dass er nur dann Vollkommenheit erlangt, wenn er seinen Teil der Verantwortung erfüllt. (vgl. Schöpfung 5.2.2) Tatsächlich erfüllten die ersten menschlichen Vorfahren ihren Teil der Verantwortung nicht und fielen. Daher haben die Menschen das Potenzial, entweder ihre Verantwortung in Einklang mit Gottes Willen zu erfüllen oder gegen Gottes Willen in ihrer Verantwortung zu versagen.

Nehmen wir einige Beispiele aus der Bibel: Adams Verantwortung bestand darin, nicht von der Frucht des Baumes der Erkenntnis von Gut und Böse zu essen. Er konnte entweder Gottes Gebot befolgen und Vollkommenheit erlangen oder von der Frucht essen und sterben. Er wählte Letzteres.

Im Alten-Testament-Zeitalter gab Gott die Zehn Gebote und das mosaische Gesetz, die die Menschen als Bedingung für ihre Errettung befolgen sollten. Es war ihr Teil der Verantwortung, entweder das Gesetz zu beachten und Heil zu erlangen oder es zu missachten und in den Untergang zu gehen. (Dtn 30,15-20) Auf ihrem Weg von Ägypten nach Kanaan waren die Israeliten dafür verantwortlich, Moses Anweisungen zu folgen.

Sie konnten diese Anweisungen entweder gläubig annehmen und nach Kanaan gelangen oder gegen Mose rebellieren und das Gelobte Land nicht erreichen. Tatsächlich hatte Gott versprochen, Er werde die Israeliten nach Kanaan führen (Ex 3,8), und Er hatte Mose befohlen, sie dorthin zu führen. Doch aus Mangel an Glauben gingen die Menschen in der Wildnis zugrunde und nur ihre Nachkommen konnten das Ziel erreichen.

Menschen haben also ihren ganz eigenen Teil der Verantwortung; sie können ihn entweder im Einklang mit Gottes Willen erfüllen oder entgegen Gottes Willen darin versagen. Welche Früchte sie schließlich hervorbringen, hängt davon ab, ob sie ihren Teil der Verantwortung erfüllen oder nicht. Aus diesem Grund übermittelte Gott ihnen zweierlei Prophezeiungen hinsichtlich der Erfüllung Seines Willens.

Gottes Teil der Verantwortung ist es, den Messias zu senden. Doch der Glaube an den Messias ist der menschliche Teil der Verantwortung. Das jüdische Volk konnte entweder nach Gottes Wunsch an den Messias glauben oder im Gegensatz zu Seinem Verlangen nicht an ihn glauben. Um ein mögliches Erfüllen oder Nicht-Erfüllen der menschlichen Verantwortung zu berücksichtigen, äußerte Gott sich in zweierlei Prophezeiungen. Einerseits kam zum Ausdruck, Jesus werde wegen des Unglaubens der Menschen sterben. (Jes 53) Andererseits wurde vorhergesagt, die Menschen würden an Jesus glauben, ihm als Messias Ehre erweisen und ihm helfen, den Willen Gottes glorreich zu erfüllen. (Jes 9; 11; 60; Lk 1,31) Als Jesus infolge des Unglaubens der Menschen am Kreuz starb, erfüllten sich nur die diesbezüglichen Prophezeiungen. Die Prophezeiungen der zweiten Art blieben bis zum Zweiten Kommen Christi unerfüllt.

1.6 Abschnitte aus den Evangelien, in denen Jesus von der Kreuzigung als Notwendigkeit sprach

Wir finden in den Evangelien mehrere Abschnitte, in denen Jesus von seinem Leiden am Kreuz so sprach, als sei es für die Erlösung unumgänglich. Als Petrus beispielsweise Jesu Vorhersage von der unmittelbar bevorstehenden Kreuzigung hörte und ihn davon abzubringen versuchte, wies Jesus ihn mit den Worten zurecht: „Weg mit dir, Satan, geh mir aus den Augen! Du willst mich zu Fall bringen.“ (Mt 16,23) Warum schalt Jesus Petrus so hart? Als Jesus diese Worte sprach, hatte die Realität des Unglaubens des auserwählten Volkes seine Anstrengungen, die Vorsehung der Erlösung sowohl physisch als auch geistig zu erfüllen, schon längst zunichte gemacht. Jesus hatte sich zu jener Zeit schon definitiv dazu entschlossen, das Los des Kreuzes (Lk 9,31) als Bedingung der Wiedergutmachung auf sich zu nehmen, um wenigstens den Weg für eine geistige Erlösung der Menschheit zu öffnen. Das Abraten durch Petrus hätte Jesus abhalten können, der geistigen Erlösung durch das Kreuz den Weg zu ebnen. Aus diesem Grund tadelte ihn Jesus.

Ein zweites Beispiel sind die letzten Worte Jesu am Kreuz: „Es ist vollbracht.“ (Joh 19,30) Jesus stieß diese Worte nicht hervor, um auszudrücken, dass er durch die Kreuzigung die Vorsehung der Erlösung völlig erfüllt habe. Nachdem er erkannt hatte, dass der Unglaube der Menschen unüberwindbar war, wählte er den Weg des Kreuzes, um damit die Grundlage geistiger Erlösung zu schaffen, während er die Aufgabe zur Verwirklichung physischer Erlösung auf die Zeit der Wiederkunft verschob. Jesus meinte also mit seinen Worten „Es ist vollbracht“, dass er nun die Grundlage für geistige Erlösung gelegt habe. Dies war wegen des Unglaubens der Juden zu jener Zeit das alternative Ziel der Vorsehung geworden.

Um im rechten Glauben zu leben, ist es nötig, dass wir zunächst durch geistige Erfahrungen im Gebet direkte Verbindung mit Gott aufnehmen und daraufhin die Wahrheit durch ein korrektes Bibelstudium verstehen. Aus diesem Grund empfahl uns Jesus, Gott in „Geist und Wahrheit anzubeten“. (Joh 4,24)

Seit Jesu Tagen glaubten Christen, Jesus sei in die Welt gekommen, um am Kreuz zu sterben. Der eigentliche Zweck des Kommens Jesu als Messias war ihnen unbekannt. Sie interpretierten die geistige Erlösung, die er uns brachte, falsch und meinten, dass das alles sei, was seine Mission umfasst habe. Jesus wollte leben und seine Bestimmung erfüllen, doch weil die Menschen nicht an ihn glaubten, starb er mit einem schweren und enttäuschten Herzen. Daher müssen sich heute auf Erden ernsthaft gläubige Menschen finden, die als „Braut Christi“ das traurige und leidende Herz Jesu besänftigen können. Bevor Jesus als der „Bräutigam“ wiederkommen kann, müssen also „Bräute“ in Erscheinung treten, die die Sehnsucht des Herzens Jesu erfüllen können. Doch Jesus klagte: „Wird jedoch der Menschensohn, wenn er kommt, auf der Erde Glauben vorfinden?“ (Lk 18,8), weil er vorhersah, dass die Menschen bei seiner Rückkehr höchstwahrscheinlich in der Dunkelheit leben würden.

Aufgrund dieses Studiums biblischer Stellen haben wir erkannt, dass Jesus nicht kam, um am Kreuz zu sterben. Noch sicherer können wir uns dieser Tatsache sein, wenn wir geistig mit Jesus in Verbindung treten und ihn direkt fragen. Wenn wir die geistige Wirklichkeit nicht wahrnehmen können, sollten wir uns um einen Zugang zu Berichten jener Menschen bemühen, denen solche Gaben verliehen sind, um Jesu Herz kennen zu lernen und unseren Glauben zu stärken. Nur dann werden wir würdig sein, die Rolle der Braut Jesu einzunehmen und ihn in den Letzten Tagen zu empfangen.